Die Tour hat angefangen, und ich kann dir jetzt schon sagen, dass der erste Abend und der zweite zwei völlig verschiedene Berufe waren.
Lübeck war der Auftakt, und Auftakte sind ein eigenes Genre. Da ist alles neu, der Boden, das Licht, die Übergänge, und ich habe zwei Stunden lang gleichzeitig gespielt und mitgedacht, was als Nächstes kommt, so wie man beim ersten Mal Autofahren in einer fremden Stadt gleichzeitig fährt und liest. Es war gut, die Leute waren da, es hat funktioniert. Aber ich wusste beim Rausgehen, dass das noch nicht der Abend war, den ich meine.
Und dann Rostock. Ich weiß nicht genau, was in diesem Saal anders war, vielleicht lag es an mir, weil beim zweiten Mal der Kopf endlich aufhört mitzuzählen, vielleicht lag es an einer Frau in Reihe vier, die an einer Stelle so laut gelacht hat, dass der halbe Saal sich nach ihr umgedreht hat, und ab da war es kein Auftritt mehr, sondern ein Gespräch mit ein paar hundert Leuten gleichzeitig. Es gab einen Moment ziemlich weit hinten im Programm, an dem es sehr still wurde, und diese Stille war nicht peinlich, sondern aufmerksam, und ich habe da oben gestanden und gedacht, ja, genau dafür mache ich das seit so vielen Jahren. Danach standen im Foyer Frauen, die mir Dinge erzählt haben, die sie zu Hause niemandem erzählen, und eine hat gesagt, sie sei allein gekommen, weil sie niemanden gefunden habe, der mitwill, und das sei das erste Mal seit Jahren gewesen, dass sie abends allein irgendwohin gegangen ist. Ich musste danach kurz in die Garderobe.
Dieses Gefühl, das ich in Rostock hatte, hat übrigens mit dem zu tun, woran wir gerade im Power Circle arbeiten, und weil mich in den letzten Wochen viele gefragt haben, was da eigentlich passiert, mache ich das Thema dieses Mal auf, auch für alle, die nicht dabei sind.
Es geht um die Stimme deiner Mutter in deinem Kopf. Nicht um deine Mutter, das ist ein Unterschied, um den es mir sehr geht, sondern um die Sätze, die du übernommen hast, bevor du alt genug warst, sie zu prüfen. Sie sind meistens unauffällig, sie brüllen nicht, sie kommentieren, und sie klingen deshalb so überzeugend, weil sie nach Vernunft klingen und vor allem, weil sie nach dir selbst klingen. Sei nicht so. Das ist ein bisschen viel. Man macht das nicht. Stell dich nicht so an.
Und jetzt der Teil, den du sofort machen kannst, und zwar heute Abend, mit einem Zettel, in zehn Minuten.
Schreib zuerst den einen Satz auf, den du dich am häufigsten sagen hörst, wenn du müde bist oder wenn etwas schiefgeht. Du musst nicht lange suchen, der meldet sich von allein, und wenn dir drei einfallen, nimm den, bei dem dir kurz unwohl wird.
Und dann kommt der eigentliche Schritt, und der ist anders, als du es vermutlich kennst. Die meisten Programme schlagen an dieser Stelle vor, sich einen freundlichen Satz auszudenken und ihn sich täglich vorzusagen. Das machen wir nicht, weil das nicht funktioniert. Wir suchen stattdessen einen Satz, der schon einmal wahr war. Überleg dir also, wer in deinem Leben gut über dich gesprochen hat, eine Großmutter, eine Lehrerin, eine Nachbarin, eine Chefin, eine Freundin, ein Kind, und schreib einen Satz von dieser Person wörtlich auf, so wie er gefallen ist, mit ihrem Tonfall. Und wenn dir partout niemand einfällt, dann schreib auf, was du wortwörtlich zu einer Freundin sagen würdest, die dir gerade deinen Satz von oben erzählt hat. Diesen Satz nehmen wir, denn er ist nicht erfunden, du hast ihn bisher nur immer nur nach außen benutzt.
Das ist die ganze Übung. Ein Satz, der dir nicht gehört, und ein Satz, der schon einmal wahr war, auf demselben Zettel.
Warum das kein Küchenpsychologie-Kram ist, kurz erklärt. William Swann hat mit seiner Theorie der Selbstverifikation beschrieben, dass wir Lob abwehren, das nicht zu unserem Selbstbild passt, weshalb ein erfundener netter Satz sofort als Werbung durchgeht, ein erinnerter dagegen nicht, weil er tatsächlich passiert ist. Olivia Longe und Paul Gilbert haben 2010 im Hirnscanner gezeigt, dass Selbstkritik und Selbstberuhigung nicht zwei Tonlagen derselben Sache sind, sondern unterschiedliche Systeme aktivieren, Selbstkritik sieht aus wie Bedrohung und Fehlersuche, Selbstberuhigung wie Trost. Du wechselst also nicht den Ton, du wechselst den Modus. Und Mary Main hat mit dem Adult Attachment Interview herausgefunden, dass sich nicht daran ablesen lässt, wie es jemandem als Kind ergangen ist, sondern daran, wie zusammenhängend diese Person heute davon erzählen kann. Deshalb schreiben wir, statt zu grübeln, denn Grübeln erzeugt keine Geschichte, sondern Schleifen.
Und dann habe ich heute noch etwas, worüber ich mich sehr freue. Mein neues Podcastformat mit bonprix geht heute an den Start, und zu Gast ist Nikeata Thompson, die ich seit Jahren bewundere und mit der ich ein Gespräch geführt habe, das ziemlich schnell ziemlich ehrlich geworden ist. Ich würde mich freuen, wenn du reinhörst, und noch mehr, wenn du mir danach schreibst, was du davon hältst.
Die Frau aus Rostock, die allein gekommen ist, hat übrigens genau das getan, ohne es so zu nennen. Sie hat einen Satz nicht befolgt.
Die Tour läuft, “Finde dich gut, sonst findet dich keiner (Jetzt erst recht!)”, und in vielen Städten gibt es noch Karten, über Ticketmaster. Komm ruhig allein, du wirst sehen, dass du damit nicht die Einzige bist.
Und wenn du an dem Thema weiterarbeiten willst, im Power Circle liegen dazu gerade zwei Arbeitsblätter, es gibt den Impuls-Call und eine ziemlich gute Gruppe von Frauen. 69 Euro im Monat, ermäßigt 59, jederzeit kündbar.
Im Power Circle arbeiten wir gerade an genau dieser Stelle, an dem Übergang vom Erkennen zum Aussprechen, mit Arbeitsblatt, Impuls-Call und einer Gruppe von Frauen, die dir das nicht ausreden.
Wenn du lieber erst mal allein lesen willst: mein E-Book „Allein, aber nicht zu haben“ – 35 Seiten, die sitzen.
Und wenn du das alles lieber laut und im Sitzen mit vielen anderen Frauen erleben willst: meine Tour „Finde dich gut, sonst findet dich keiner (Jetzt erst recht!)“ startet am 24. September.
Ich würde mich freuen, dich zu sehen.
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