Neulich war ich bei einer Freundin. Das alleine ist nicht bemerkenswert, aber mir ist etwas aufgefallen, was viele Frauen betrifft. Während sie sich Tee gemacht und während das Wasser lief, hat sie die Arbeitsfläche dreimal abgewischt, obwohl da nichts war, wirklich gar nichts, keine Krümel, kein Fleck, nur eine sehr saubere Fläche, die im Laufe dieser drei Minuten noch etwas sauberer wurde. Als ich sie darauf angesprochen habe, hat sie gelacht und gesagt, meine Mutter hat immer gesagt, an einer Küche sieht man, wie es einer Frau geht. Und dann hat sie den Lappen hingelegt und für einen Moment so geguckt, als hätte das gerade jemand anderes gesagt und nicht sie.
Um diesen Moment geht es. Nicht um den Satz selbst, sondern um die halbe Sekunde danach, in der du merkst, dass du eben jemanden zitiert hast, ohne die Quelle anzugeben.
Wir reden gerne von Prägung, aber Prägung klingt nach Museum, nach etwas, das hinter Glas liegt und ordentlich beschriftet ist. Dabei ist es viel eher eine Untermieterin, die nie ausgezogen ist, die sich nicht einmischt, solange alles gut läuft, und die genau dann in der Küchentür steht, wenn du müde bist, wenn du etwas Neues wagst, wenn du gerade dabei bist, dir etwas zu nehmen, das dir zusteht.
Diese Stimme ist selten laut. Sie brüllt nicht, aber sie kommentiert. Sie sagt nicht, du bist zu viel, sie sagt, ist das nicht ein bisschen viel? Und dieser winzige Unterschied ist der Grund, warum wir sie so schwer erkennen, denn sie klingt nicht nach einem Angriff, sie klingt nach Vernunft. Und meistens klingt sie sogar nach uns selbst.
Und bevor jetzt vielleicht jemand denkt, dass ich hier die Mütter abräume, nein, das mache ich nicht. Die meisten dieser Sätze waren einmal ein Angebot. Sie waren Liebe in der einzigen Sprache, die zur Verfügung stand. Sie waren Schutz vor einer Welt, die für unsere Mütter tatsächlich enger war, und sie haben funktioniert, sonst hätten wir sie nicht im Gedächtnis behalten. Das ist das Unangenehme daran. Wir tragen diese Stimme nicht mit uns herum, weil wir schwach sind, sondern weil sie einmal richtig gute Arbeit geleistet hat, zumindest, wenn man sich den ursprünglichen Zweck anschaut. Die Intention dahinter ist nochmal ein eigenes Kapitel.
Vielleicht hörst du deine Mutter am zuverlässigsten beim Kofferpacken, wo sie dir seit ungefähr ewigen Jahren erklärt, dass man immer eine anständige Bluse dabeihaben muss, für den Fall der Fälle, und vermutlich weißt du bis heute nicht, für welchen Fall genau. Aber trotzdem packst du sie jedes Mal ein und trägst sie nie.
Die Frage ist also nicht, wie du diese Stimme loswirst. Das wird nämlich nichts, weil sie Teil deiner Verkabelung ist. Die Frage ist, ob du unterscheiden kannst, wessen Satz das gerade war. Ob du im Zweifel weißt, welche deiner Überzeugungen du dir selbst erarbeitet hast und welche du geerbt hast wie ein Sofa, das gar nicht in deine Wohnung passt und auf dem trotzdem alle sitzen.
Wenn du diese Woche eine Sache mitnehmen willst, dann diese. Beim nächsten Mal, wenn du dich sagen hörst, ich will ja nicht kompliziert sein, oder ich will niemandem zur Last fallen, halte eine Sekunde an und frag dich, ob du die Person kennst, die diesen Satz zuerst gesagt hat. Du musst nichts damit machen. Du musst ihn nicht bekämpfen und nicht umdeuten und schon gar nicht in ein positives Mantra verwandeln. Es reicht völlig, ihn zu erkennen und ihm zuzunicken, so wie man einer alten Nachbarin zunickt, die man nicht mehr besuchen muss.
Alles andere kommt danach.
Deine Paula
Im Power Circle arbeiten wir genau daran.
Wenn du lieber erst mal allein lesen willst: mein E-Book „Allein, aber nicht zu haben“ – 35 Seiten, die sitzen.
Und wenn du das alles lieber laut und im Sitzen mit vielen anderen Frauen erleben willst: meine Tour „Finde dich gut, sonst findet dich keiner (Jetzt erst recht!)“ startet am 24. September.
Ich würde mich freuen, dich zu sehen.
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