Eine Frau aus dem Power Circle hat mir vor zwei Wochen geschrieben, dass sie ihren Geschirrspüler falsch einräumt.
Nicht objektiv falsch, es ist ihre Küche, ihre Wohnung, ihr Geschirrspüler, aber wenn sie die Messer mit der Klinge nach oben in den Besteckkorb stellt, meldet sich eine Stimme und sagt, dass man das nicht macht. Die Stimme ist nicht ihre, sondern eine, die sie mitgebracht hat, aus einer anderen Küche, in der sie ungefähr acht war, und diese Stimme vertritt bis heute eine bemerkenswert klare Haltung zum Besteckkorb.
Sie, also die Frau, hat mir das als Nachsatz geschrieben, halb entschuldigend, weil es ihr im Vergleich zu allem anderen lächerlich vorkam.
Es war aber nicht lächerlich, sondern im Gegenteil sehr repräsentativ. Nach meinem letzten Newsletter habe ich so viele Antworten bekommen wie selten, und das Überraschende daran war nicht, wie groß die Geschichten waren, sondern wie klein. Kaum eine schrieb mir von dem einen vernichtenden Satz aus der Kindheit. Sie schrieben mir vom Thermostat, von der Menge Butter auf dem Brot, davon, wie man Handtücher faltet, davon, dass man mit nassen Haaren nicht aus dem Haus geht, und davon, dass man sich bitte nicht so anstellen soll. Bei manchen kam das von der Mutter, bei anderen vom Vater, bei einer von einer Großmutter, die seit zwanzig Jahren tot ist und trotzdem jeden Sonntag etwas zu sagen hat.
Und fast alle schrieben irgendwann, in unterschiedlichen Worten, denselben Satz. Und jetzt?
Was die meisten an dieser Stelle tun, ist diskutieren. Sie haben die Stimme erkannt, sie wissen inzwischen, wem sie gehört, und sie fangen an, mit ihr zu verhandeln, sie widerlegen sie, führen Beweise an, erklären ihr, dass sie erwachsene Frauen mit einem Beruf und einem eigenen Mietvertrag sind und infolgedessen selbst entscheiden dürfen, wie herum die Messer stehen.
Das funktioniert nicht, und zwar aus einem sehr unromantischen Grund. Eine Stimme, die dich seit vierzig Jahren kennt, gewinnt jede Diskussion, weil sie mehr Material hat als du. Sie war dabei, als du klein warst. Sie kennt jede einzelne deiner Stellen, sie hat schließlich einige davon gemacht. Wer gegen sie argumentiert, argumentiert gegen jemanden, der die Akte gelesen hat.
Löschen kannst du sie auch nicht, und wer dir das verspricht, verkauft dir gerade etwas.
Was tatsächlich hilft, ist unspektakulärer, und das hat mit Lautstärke zu tun.
Es gibt eine Untersuchung von Ethan Kross an der University of Michigan, sieben Studien mit knapp sechshundert Menschen, 2014 im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht. Die Frage war fast banal, aber die Antwort darauf ist es nicht: Macht es einen Unterschied, in welcher Person du mit dir selbst sprichst? Das kuriose Ergebnis der Untersuchung ist, dass es tatsächlich einen Unterschied macht. Wer unter Druck nämlich nicht ich zu sich sagt, sondern sich mit du anredet oder beim eigenen Namen nennt, bekommt Abstand zur eigenen Lage, schätzt sie nüchterner ein und schneidet anschließend messbar besser auf die gestellte Aufgabe ab, beurteilt von unabhängigen Beobachtern, die übrigens nicht wussten, wer zu welcher Gruppe gehörte. Der ganze Unterschied liegt in einer einzigen Formulierung. Nicht ich krieg das nicht hin, sondern im Gegenteil, Anna, du kriegst das hin.
Und jetzt der Teil, den ich dir nicht mit einer Studie belegen kann, sondern nur mit fünfundzwanzig Jahren Zuhören. Diese Ansprache muss laut sein. Gedacht reicht nicht. Solange dein Satz in deinem Kopf bleibt, benutzt er denselben Lautsprecher wie die andere Stimme, und er klingt dann auch so, ein bisschen dünn und wenig überzeugt. Erst wenn du ihn aussprichst, mit Luft, mit deinem tatsächlichen Körper, hört dein Körper ihn von außen, und genau da fängt etwas an, sich zu verschieben. Das ist der Grund, warum ich mit Frauen an ihrer Stimme arbeite und nicht nur an ihrer Einsicht.
Falls du diese Woche etwas ausprobieren willst, dann das. Nimm den Satz von früher, den du am besten kennst, stell dich damit ins Bad und sag ihn einmal laut, im Tonfall der Person, von der er stammt, damit du hörst, dass er ihrer ist und nicht deiner. Und dann sag deinen eigenen Satz, laut, mit deinem Namen davor. Es fühlt sich albern an, wirkt aber trotzdem, und das schließt sich ja beides nicht aus.
Im Power Circle arbeiten wir gerade an genau dieser Stelle, an dem Übergang vom Erkennen zum Aussprechen, mit Arbeitsblatt, Impuls-Call und einer Gruppe von Frauen, die dir das nicht ausreden.
Wenn du lieber erst mal allein lesen willst: mein E-Book „Allein, aber nicht zu haben“ – 35 Seiten, die sitzen.
Und wenn du das alles lieber laut und im Sitzen mit vielen anderen Frauen erleben willst: meine Tour „Finde dich gut, sonst findet dich keiner (Jetzt erst recht!)“ startet am 24. September.
Ich würde mich freuen, dich zu sehen.
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