Seit ungefähr zwei Wochen wache ich nachts auf und denke an einen Bühnenboden. Nicht an das Publikum, nicht an Sätze, die ich vergessen könnte, sondern an einen ganz bestimmten Ausschnitt des Bodens, ungefähr da, wo ich am Anfang stehen werde. Ich weiß nicht, warum mein Kopf sich ausgerechnet das ausgesucht hat, aber er hat, und dann liege ich da und rechne aus, wie viele Tage es noch sind.
Ich erzähle das, weil ich seit fünfundzwanzig Jahren beruflich rede und weil ich weiß, dass das eigentlich lächerlich klingt. Ich habe im Fernsehen über Sex gesprochen, zu Zeiten, in denen man das so nicht durfte, ich habe vor tausend Leuten gestanden, ich habe Dinge über mein eigenes Leben veröffentlicht, und trotzdem liege ich mit zweiundfünfzig nachts wach und denke an einen Fußboden.
Was ich lange geglaubt habe, war, dass das irgendwann aufhört. Dass es eine Menge Erfahrung gibt, ab der man nicht mehr nervös ist, so wie man ab einer bestimmten Anzahl gefahrener Kilometer nicht mehr über das Einparken nachdenkt. Das ist ein wunderbarer Gedanke, und er stimmt nicht, und ich glaube inzwischen, dass er sogar gefährlich ist, weil er dazu führt, dass Frauen die Angst als Beweis lesen. Als Beweis, dass sie es doch nicht können, dass sie nicht weit genug sind, dass sie sich das nicht zutrauen sollten, obwohl die Angst über die Frage, ob jemand etwas kann, ungefähr so viel aussagt wie das Wetter über die Qualität einer Ehe.
Die Angst sagt nur eines, und zwar sehr zuverlässig: Dass dir etwas wichtig ist. Sie steht immer genau dort, wo etwas auf dem Spiel steht, und deshalb taucht sie bei Menschen, die nichts mehr wollen, auch nicht mehr auf. Wenn ich bei dieser Tour nicht mehr nervös wäre, wäre das kein Zeichen von Souveränität, sondern eines von Gleichgültigkeit, und ich weiß nicht, ob das ein besserer Zustand wäre.
Was mir tatsächlich hilft, ist eine Liste, die ich vor Jahren angefangen habe und die ich in Momenten wie diesen hervorhole. Auf ihr stehen Dinge, vor denen ich Angst hatte und die ich trotzdem gemacht habe, und sie ist bewusst unspektakulär. Da steht der erste Auftritt drauf, aber auch das erste Mal allein essen gehen, ohne Handy, was mir mit Anfang dreißig schwerer fiel als alles im Fernsehen. Da steht ein Gespräch drauf, das ich zwei Jahre vor mir hergeschoben habe, ein Anruf bei einem Arzt, eine Absage an einen sehr gut bezahlten Auftrag, den ich nicht wollte. Und wenn ich diese Liste lese, dann geht die Angst nicht weg, aber sie verliert ihre Autorität, weil ich schwarz auf weiß sehe, dass sie in all diesen Fällen behauptet hat, es geht nicht. Und dass sie in all diesen Fällen unrecht hatte.
Ich glaube, das ist überhaupt das Einzige, was gegen Angst hilft. Nicht der Mut, den man vorher herstellt, sondern die Belege, die man hinterher sammelt. Man macht die Sache, während man Angst hat, und schreibt danach auf, dass man sie gemacht hat, und irgendwann ist die Liste länger als der Zweifel.
Also, falls du gerade auch nachts wachliegst, wegen eines Gesprächs, einer Entscheidung, einer Zahl auf einem Kontoauszug oder einer Sache, die du dir seit Monaten vornimmst: Die Angst wird begleitbar. Und du darfst alles sogar zitternd machen, das zählt ganz genauso.
Wir sehen uns in gut zwei Wochen zunächst in Lübeck und dann überall, mir wird schlecht sein, und ich werde trotzdem da stehen. Ich freue mich, wenn du kommst!
Am 24. September geht es los, “Finde dich gut, sonst findet dich keiner (Jetzt erst recht!)”, und ich freue mich auf jeden einzelnen Abend, auch wenn mein Nervensystem das anders sieht.
Im Power Circle arbeiten wir gerade an genau dieser Stelle, an dem Übergang vom Erkennen zum Aussprechen, mit Arbeitsblatt, Impuls-Call und einer Gruppe von Frauen, die dir das nicht ausreden.
Wenn du lieber erst mal allein lesen willst: mein E-Book „Allein, aber nicht zu haben“ – 35 Seiten, die sitzen.
Und wenn du das alles lieber laut und im Sitzen mit vielen anderen Frauen erleben willst: meine Tour „Finde dich gut, sonst findet dich keiner (Jetzt erst recht!)“ startet am 24. September.
Ich würde mich freuen, dich zu sehen.
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